WIE DAS PROJEKT QBAU MOBILE UND AUSLÄNDISCHE BESCHÄFTIGTE ERREICHT – UND WARUM DAS NÖTIG IST

QBAU > Ein Projekt des PECO-Instituts zur Unterstützung mobiler und ausländischer Beschäftigter in der bayerischen Bauwirtschaft. Präventiv, muttersprachlich und direkt vor Ort.


Was passiert, wenn Beratung nicht zu den Menschen kommt, sondern die Menschen zur Beratung kommen sollen? Auf die Baustellen und Unterkünften in Bayern wird deutlich, warum viele mobile und ausländische Bauarbeiter durchs Raster fallen – und wie aufsuchende Projekte wie QBAU genau dort ansetzen, wo klassische Angebote nicht mehr greifen.



Rechte auf dem Papier, Arbeit im Frost


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Es ist Samstagmorgen, kurz nach sieben Uhr. Das Thermometer zeigt minus 2,5 Grad, auf einer Baustelle in München. Der Frost liegt schwer in der Luft, die Hände schmerzen schon nach wenigen Minuten. Während in Talkshows und Werbekampagnen die Vier-Tage-Woche als neues Leitbild moderner Arbeit gefeiert wird, beginnt hier ein ganz normaler Arbeitstag – für Männer, die von dieser Debatte kaum profitieren.


Trotz eisiger Kälte arbeiten die Bauarbeiter routiniert weiter. Schalungen werden gesetzt, Beton gegossen, Werkzeuge wechseln die Hände. Niemand klagt. Viele würden sagen: Wer bei solchen Bedingungen arbeitet, wird zumindest gut bezahlt. Tarifliche Bezahlung, Zuschläge, Zulagen, Wegezeitentschädigung – im Baugewerbe sei das schließlich selbstverständlich. Doch die Gespräche vor Ort erzählen eine andere Geschichte.
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Auf dem Papier geregelt – auf der Baustelle unklar


Im Austausch mit den Bauarbeitern wird schnell klar: Von Selbstverständlichkeit kann keine Rede sein. Sie berichten von Unregelmäßigkeiten bei Leistungen, die laut dem allgemeinverbindlichen Bundesrahmentarifvertrag (BRTV) eigentlich klar geregelt sind. Wegezeitentschädigungen fehlen, Urlaubsansprüche sind unklar, Arbeitszeiten werden nicht immer korrekt erfasst. Viele wissen nicht, wie viel Urlaub ihnen zusteht – oder ob er überhaupt gemeldet wurde.


Besonders für diese Zielgruppe stellen die deutschen Verfahren, Zuständigkeiten und Fristen eine große Hürde dar. Sprachbarrieren verschärfen das Problem zusätzlich. Klassische Beratungsstellen erreichen diese Beschäftigten kaum: Sie arbeiten unter hohem Zeitdruck, oft weit entfernt von ihrem Wohnort, mit wenig planbarer Freizeit.



Genau hier setzt das Projekt QBAU des PECO-Instituts an. QBAU arbeitet dort, wo die Menschen sind: auf Baustellen, in Unterkünften und an Treffpunkten des Alltags. Die Bedarfe der Bauarbeiter werden nicht theoretisch ermittelt, sondern im direkten Gespräch – häufig am Wochenende oder in den Abend- und Nachtstunden, also genau dann, wenn mobile und ausländische Beschäftigte überhaupt Zeit haben.
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Der Ansatz ist bewusst präventiv: Probleme sollen erkannt und gelöst werden, bevor Konflikte eskalieren oder Rechtsansprüche verloren gehen. Die Unterstützung ist niedrigschwellig, praxisnah und kostenlos – und vor allem in der Muttersprache der Beschäftigten.


Vom Urlaubsanspruch bis zur Stimme im Betrieb


An diesem Wochenende informierten die Kollegen von Projekt QBAU die Wanderarbeiter unter anderem über das Arbeitnehmer-Online-Portal der Urlaubkassen. Über dieses Kundenportal können Beschäftigte ihren aktuellen Urlaubsstand einsehen, Informationen zur Tarifrente Bau abrufen und Urlaubsansprüche digital beantragen. Wer in die freiwillige Altersvorsorge Baurente ZukunftPlus einzahlt, findet dort ebenfalls alle relevanten Daten.
Das Portal ist von jedem internetfähigen Gerät aus nutzbar – vorausgesetzt, man weiß davon und kommt mit der einmaligen Registrierung zurecht. Genau hier zeigte sich ein großer Unterstützungsbedarf. Viele hatten vom Portal noch nie gehört, andere scheiterten an Sprache oder Technik.


Ein weiteres Thema der Gespräche waren auch die bevorstehenden Betriebsratswahlen. Menschen mit Migrationshintergrund sind in Betriebsräten nach wie vor unterrepräsentiert – obwohl die Staatsangehörigkeit dabei seit der Reform des Betriebsverfassungsgesetzes 1972 keine Rolle mehr spielt. Jeder Beschäftigte kann kandidieren. Oder kann wenigstens wählen gehen.
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Gerade für migrantische Arbeitnehmer sind Betriebsräte wichtig: Sie fördern Mitbestimmung, wirken Diskriminierung entgegen, stärken Integration und sorgen dafür, dass unterschiedliche Lebensrealitäten und Bedürfnisse im Betrieb Gehör finden. Ein vielfältig zusammengesetzter Betriebsrat vertritt die gesamte Belegschaft besser – und stärkt die Verhandlungsposition.


Mehr als Beratung: Perspektiven für eine gerechtere Arbeitswelt



QBAU versteht sich deshalb nicht nur als Beratungs-, sondern auch als Bildungsprojekt. Ziel ist es, mobile und ausländische Bauarbeiter in Bayern dabei zu unterstützen, sich im deutschen Arbeits-, Sozial- und Sicherungssystem zurechtzufinden, ihre Rechte zu kennen und ihre Arbeits- und Lebensbedingungen nachhaltig zu verbessern.
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Auf der Baustelle ist es inzwischen später Vormittag. Die Kälte bleibt, die Arbeit auch. Von der Vier-Tage-Woche spricht hier niemand. Aber von Rechten, Ansprüchen – und der Hoffnung, dass sie irgendwann mehr sind als nur Theorie.


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