„Volksbedarf statt Luxusbedarf“ – auf Einladung der GJEW in Dessau

„Volksbedarf statt Luxusbedarf“ – auf Einladung der GJEW in Dessau

von Bettina Peifer (PECO)

Im Rahmen einer Bildungsveranstaltung, die von der GJEW gemeinsam mit dem Bezirksverband Berlin und dem PECO-Institut für nachhaltige Entwicklung e.V. durchgeführt wurde, war eine Gruppe von 22 Gewerkschaftlern aus Haupt- und Ehrenamt am 20. September 2018 in Dessau. Gegenstand war die klassische Bauhaus-Architektur wie auch wegweisende zeitgenössische Architektur.

Mit dem Umweltbundesamt (UBA), dem ersten Punkt auf dem Programm, besteht seit 2006 ein besonderer Neubau auf dem Gelände des ehemaligen Gasgerätewerks von Dessau. Das Berliner Architekturbüro sauerbruch hutton hat ein innovatives und baulich anspruchsvolles Gebäude geschaffen, das formale Anforderungen mit Aspekten der Nachhaltigkeit, sozialen und künstlerischen Komponenten verbindet. Am historischen Bahnhof Wörlitz vorbei gelangt man auf eine weitläufige Parklandschaft, in die der UBA-Neubau, ein sich schlängelnder Gebäuderiegel mit horizontal verlaufenden Holzbändern und einer lebhaften farbigen Glasfassade eingebettet ist. Der Eingangsbereich mit Hörsaal und Bibliothek ist jederzeit für Besucher offen. Zugänglich zu sein für die Öffentlichkeit war ein Hauptmerkmal des Entwurfs – die Glasfassade des Forums versinnbildlicht diesen Anspruch. Ein mit Blick auf die oft bemängelte Ferne zwischen Politik und Bürger sehr zeitgemäßer Entwurf.

Das Forum hat an diesem strahlenden Spätsommertag mit seinem warmen Holz, hellen Steinen, Glasdecke- und -fassade und den bunten Elementen eine lebendige, angenehme Atmosphäre. Allerdings sind die nach innen liegenden Büroräume nicht hell und benötigen ständiges Kunstlicht. Dass dieses riesige Gebäude nur mithilfe eines Erdwärmetauschers auf einer konstanten Temperatur gehalten wird, erscheint kaum vorstellbar. Die Klimatisierung der EDV und anderer innenliegender Räume wie dem Hörsaal wird durch eine Adsorptionskältemaschine geleistet, die von der Photovoltaikanlage, die in das Glasdach über dem Forum integriert ist, mit Energie versorgt wird. Reizvoll ist die Ergänzung des Bauwerks durch Kunstobjekte, die Metallplastiken „Gefaltete Stelen“ verbergen zum Beispiel die Ansaugstutzen für den Erdwärmetauscher. Beim Baumaterial wurde auf Nachhaltigkeit geachtet – die Holzelemente sind aus polnischer Fichte, die Glassteine in den Beeten sind aus Recyclingmaterial.

Für einen Kaffee in der schicken, allein stehenden Kantine, die so zum Austausch der Mitarbeiter untereinander und mit der Öffentlichkeit dienen soll, bleibt dieses Mal keine Zeit. Es geht gleich weiter zu den Klassikern der Moderne, dem Schulgebäude des Bauhauses an der Gropiusallee. Das Bauhaus! Ein Blick in den weitläufigen Museumsshop, in dem man in kurzer Zeit ein Vermögen ausgeben kann, genügt, um zu wissen, wie sehr die Bauhaus-Entwürfe bis heute unser Mobiliar, aber auch Alltagsdesign, Besteck, Stoffe prägen. Was für eine schöpferische Energie und Gestaltungslust hat in diesen wenigen Jahren, in denen das Bauhaus als Schule existierte, seinen Ausdruck gefunden! Lampen nach den Entwürfen von Marianne Brandt und Stahlrohrmöbel von Marcel Breuer gehören längst zum Allgemeingut.

Bei der Landtagswahl 1924 kamen in Thüringen rechtspolitische Parteien an die Macht, damit war die ohnehin umstrittene Schule in Weimar nicht mehr haltbar. Es erfolgte der Umzug nach Dessau, das Grundstück auf der grünen Wiese wurde von der Stadt gestellt und die Baukosten übernommen. Inspiriert durch die Industriearchitektur von Behrens und technischen Neuerungen aus Amerika probierte Gropius aus, verbaute viel Glas und erzielte damit bis dahin unbekannte Effekte durch z.B. riesige Glasscheiben im Treppenhaus, die so wirken, als sei das Treppenhaus nach hinten offen. Dass die das Gebäude prägende Fassade aus Glas und Metall im Inneren zu extremen Temperaturen führt, interessierte den Künstler – Baumeister dabei nicht so sehr.

Die nicht weit entfernt auf einem Waldgrundstück liegen Meisterhäuser wurden ebenfalls von der Stadt Dessau finanziert. Da wohnten Walter Gropius, Georg Muche, Lyonel Feininger und Wladimir Kandinsky nebeneinander – wobei Kandinsky das letzte Haus in der Reihe zugewiesen bekam, weil seine Einrichtung mit dunklen Holzmöbeln und schweren Bilderrahmen nicht dem Geist des Bauhauses entsprach und Gropius nicht repräsentabel erschien… Seit einigen Jahren wird das teils im Krieg zerstörte, teils in den Jahrzehnten danach rückgebaute Ensemble der Meisterhäuser aufwändig rekonstruiert und soll sukzessive wieder mit Originalmobiliar ausgestattet werden. Schon jetzt ist das Bauhaus ein Publikumsmagnet, der jährlich viele Besucher aus dem In- und Ausland anzieht.

Bis heute ist die Funktionalität der Bauhaus-Entwürfe richtungsweisend. Sich räumlich zu beschränken, mit Hilfe von Serienbauweise und Fertigbauteilen bezahlbares und ressourcenschonendes Bauen zu ermöglichen, ist eine Notwendigkeit sowohl im Sinne der Nachhaltigkeit als auch um dem Wohnungsmangel in den Städten zu begegnen. So gesehen war der Ausflug in die Vergangenheit des Bauens auch ein Blick in seine Zukunft.

Als nächstes interessiert uns das Gewerkschaftshaus in Bernau. Nach den Entwürfen von Hannes Meyer, dem letzten Direktor des Bauhauses, und Hans Wittwer, Meister der Bauabteilung, wurde es 1930 als Bundesschule des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes (ADGB) in Bernau fertigstellt. Seit 2017 ist die Bundesschule gemeinsam mit den Laubenganghäusern Dessau – Törten in die UNESCO-Welterbeliste aufgenommen. Das IG BAU – Bildungsprogramm zum Thema Bauen und Architektur soll in 2019 dort fortgesetzt werden.

2018-11-08T11:25:46+00:00